Der Mörder des Lehrers Samuel Paty war Frankreichs Geheimdiensten bisher nicht aufgefallen. Was bislang über den Wandel des 18-Jährigen vom normalen Jugendlichen zum Dschihadisten bekannt ist.

Im Rückblick wird Abdoullah A.* von Freunden und Bekannten als stiller Teenager beschrieben, der begeistert Kampfsport trainierte. Den französischen Geheimdiensten war er unbekannt, er war lediglich einmal aufgefallen wegen Beschädigung öffentlichen Eigentums und Aggression während einer Versammlung.

Er wurde in Moskau geboren, seine Familie kam aus Tschetschenien. Als er sechs Jahre alt war, zogen sie nach Frankreich und wurden dort als Flüchtlinge anerkannt. Abdoullah A.s aktueller Aufenthaltstitel war gültig bis März 2030.

Wie kann es sein, dass dieser 18-Jährige am 16. Oktober den Lehrer Samuel Paty mit einem Messer angriff und enthauptete? Wann hat A. sich radikalisiert und durch wen? Hat er die Tat wirklich allein begangen oder haben ihn extremistische Gruppen dabei unterstützt? Welche Rolle spielen seine tschetschenischen Wurzeln? Ermittler versuchen diese Hintergründe mühsam zu rekonstruieren – der Stand:

Terrororganisationen

Der Verdacht fällt zuerst auf eine Verbindung zu Gruppierungen wie die Terrormiliz “Islamischer Staat” (IS) und Al-Qaida, die beide bereits Anschläge in Europa organisiert haben. In sozialen Medien feierten ihre Anhänger den Mord. Allerdings ist noch unklar, ob Abdoullah A. selbst direkt mit einer der beiden Gruppen in Kontakt stand. Zwar hat der IS sich kurz nach dem Mord zu Wort gemeldet, die Audionachricht von IS-Sprecher Almuhajir Abu Hamza Al-Quraishi schien jedoch schon einige Wochen alt: Sie nahm Bezug auf die Annäherung zwischen einigen Golfstaaten und Israel und handelte hauptsächlich von Saudi-Arabien.

Eine weitere Spur scheint nach Syrien zu führen, wo Abdoullah A. selbst nie war: Einem Bericht der Zeitung “Le Parisien” zufolge stand er mit einem bisher noch nicht identifizierten russischsprachigen Dschihadisten in der Provinz Idlib in Kontakt, soll Fan des dort vorherrschenden extremistischen “Komittees zur Befreiung der Levante” (HTS) gewesen sein, das sich wiederum mit dem IS und Al-Qaida überworfen hat.

Ein HTS-Sprecher jedoch sagte: “Wir leben in einer offenen Welt, wo jeder jeden kontaktieren kann. Wir kennen den tschetschenischen Schüler nicht, und seine Tat ist seine Verantwortung (…) Was er getan hat, ist das Ergebnis dessen, was sich in Frankreich abspielt, nicht in Idlib.” Damit spielte er auf eine Rede des französischen Präsidenten Emmanuel Macron vom 2. Oktober an, in der er pauschal den Islam als Religion bezeichnete, die überall auf der Welt in der Krise sei.

Internet

A.s Radikalisierung scheint jedenfalls sehr rasant vor sich gegangen zu sein: Freunde und Verwandte sagten französischen Medien zufolge aus, dass der Teenager vor etwa einem halben oder einem Jahr begann, sich zunehmend mit einer erzkonservativen Auslegung des Islams zu beschäftigen.

Sein Twitter-Konto, das französische Journalisten auswerteten, bevor es nach der Tat gelöscht wurde, gibt einen Einblick in die letzten Wochen und Monate vor dem Attentat. Demnach meldete sich der Teenager erst im Juni bei Twitter an. Er definierte sich dort selbst als Salafist, postete regelmäßig religiöse sowie teils auch frauenfeindliche, homophobe und antisemitische Tweets. Politisch äußerte er sich ebenfalls: Er verteidigte den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und die Taliban in Afghanistan, beschimpfte gern den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman oder den Machthaber der russischen Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow.

Tschetschenische Wurzeln

Es ist nicht das erste Mal, dass im Ausland aufgewachsene Tschetschenen Anschläge verüben: 2015 rissen zwei Brüder in Boston bei einem Bombenanschlag drei Menschen in den Tod, 250 weitere wurden verletzt, 2018 erstach ein junger Tschetschene in Paris einen Fußgänger.

Auch wenn Abdoullah A. bereits als Sechsjähriger nach Frankreich kam und seine Radikalisierung dort stattfand, betonte er auf Twitter seine tschetschenischen Wurzeln. So nannte er sich dort auf Französisch Tschetschene (@tchétchène_270).

“Das Gefühl, dass ein ganzes Volk als Geisel gehalten werde, erzeugt wahnsinnige Frustration und Wut.” – Nordkaukasus-Expertin Sokirianskaja

Der “Tschetschenien-Faktor” könne eine gewisse Rolle bei der Radikalisierung bei Attentätern spielen, die aus der Region stammten, sagt die Nordkaukasus-Expertin Jekaterina Sokirianskaja von der Moskauer Denkfabrik Conflict Analysis and Prevention Center. Wie Abdoullah A. beobachten viele junge Tschetschenen aus dem europäischen Exil über die sozialen Medien, welche Gewalt und Unrecht in ihrer Heimat geschehe, wie Andersdenkende von Kadyrows Führung verfolgt werden, sagt Sokirianskaja.

Systematisch werden Kritiker des Regimes unter Druck gesetzt und gefoltert. Zuletzt hatte der Fall eines jungen Mannes für Empörung gesorgt, der gezwungen wurde, sich selbst zu bestrafen, indem er sich vor laufender Kamera nackt auf eine Flasche setzen und damit selbst vergewaltigen musste. Sein Vergehen: Er war der Moderator eines unabhängigen Telegram-Kanals gewesen. “Das Gefühl, dass ein ganzes Volk als Geisel gehalten werde, erzeugt wahnsinnige Frustration und Wut”, sagt die Forscherin. Die Radikalisierung sei jedoch ein vielschichtiger Prozess, bei dem zahlreiche Faktoren zusammenspielten.

Mohammed-Karikaturen

Bei Abdoullah A. schien sich am 25. September etwas zu verändern. An diesem Tag formulierte er die Selbstbeschreibung auf seinem Twitter-Profil um: Wo vorher stand, dass er keine Direktnachrichten von Frauen wolle, wählte er nun eine Koransure, die oft vor dem Tod rezitiert und auch häufig von Selbstmordattentätern verwendet wird. Offenbar hatte er nun beschlossen, selbst einen Anschlag durchzuführen – und dabei zu sterben.

“Etwas, das so polarisiert wie Karikaturen von Mohammed, erweitert das Spektrum von Menschen, die zur Tat schreiten können, über die üblichen Dschihadismus-Sympathisanten hinaus.”- Dschihadismus-Experte Wassim Nasr

Wer oder was hatte ihn dazu gebracht? Auch diese Frage ist bisher offen. Auffällig ist, dass genau an diesem Tag in Paris ein Messerattentat stattfand vor den früheren Büros der Satirezeitschrift “Charlie Hebdo”. Diese hatte im September ihre Mohammed-Karikaturen erneut veröffentlicht. Steht Abdoullah A.s Tat damit in Zusammenhang?

“Etwas, das so polarisiert wie Karikaturen von Mohammed, erweitert das Spektrum von Menschen, die zur Tat schreiten können, über die üblichen Dschihadismus-Sympathisanten hinaus”, sagte der französische Dschihadismus-Experte Wassim Nasr über den Messerattentäter vom 25. September – dieser scheint nach bisherigen Erkenntnissen keine Verbindungen zu Terrororganisationen gehabt zu haben, anders als die Attentäter vom Januar 2015. Damals hatten zwei Brüder einen Anschlag auf die Redaktion von “Charlie Hebdo” verübt und zwölf Menschen getötet. Einer der Brüder war von Al-Qaida auf der arabischen Halbinsel ausgebildet worden. Sie hatten ihren Anschlag akribisch geplant – anders als der Messerattentäter und Abdollah A.

Der Anschlagsplan: der Lehrer Samuel Paty

Während Abdoullah A. am 25. September offenbar entschied, zum Attentäter zu werden und dabei zu sterben, fehlten ihm anfangs wohl ein Ziel und ein Plan. Er machte sich dann offenbar selbst auf die Suche, ohne Anweisungen einer Terrorgruppe. Wie die Zeitung “Le Monde” rekonstruierte, fragte der Teenager in seinem Umfeld nach Personen, die den Islam in sozialen Medien beleidigt hätten. Im Oktober geriet dann zufällig der Lehrer Samuel Paty in sein Visier.

Samuel Paty behandelte einem Bericht von “Le Monde” zufolge am 5. Oktober zum ersten Mal das Thema Meinungsfreiheit im Unterricht und zeigte dabei zwei Mohammed-Karikaturen. Am nächsten Tag unterrichtete Paty dann die Klasse von einer Schülerin, deren Vater sich später im Internet lautstark darüber beschweren sollte – doch die Schülerin schwänzte an diesem Tag. Am Tag darauf wurde sie wegen Verhaltensproblemen zwei Tage suspendiert.

Ihrem Vater, Brahim C., erzählte die Schülerin jedoch etwas anderes. Der konservativ-religiöse Mann glaubte daraufhin, seine Tochter werde bestraft, weil sie sich dem Unterricht von Paty widersetzte. Unterstützt von einem von den französischen Sicherheitsbehörden beobachteten Radikalislamisten, Abdelhakim S., postete er ein wütendes Video, das viral gehen sollte. Kurz darauf schrieb der spätere Attentäter den Vater an: Er wollte mehr über den Lehrer wissen. Am 16. Oktober lauerte er Paty vor der Schule auf.

Derzeit sind unter anderem der Vater Brahim C., Abdelhakim S., der Radikalislamist, der den Vater unterstützte, sowie vier Schüler, die dem Attentäter für Geld den Aufenthaltsort des Lehrers verraten haben sollen, in Untersuchungshaft.

Die französischen Ermittler untersuchen weiter, ob Abdoullah A. wirklich allein gehandelt hat. Ebenfalls noch in Untersuchungshaft befinden sich seine Eltern, sein Großvater, einer seiner Brüder und vier weitere Vertraute. Letztere sollen ihn beim Messerkauf begleitet und am Mordtag vor der Schule, am späteren Tatort abgesetzt haben. Französischen Medienberichten zufolge sagten sie bisher aus, seine Radikalisierung wohl bemerkt, jedoch nichts von seinen Anschlagsplänen gewusst zu haben.

*Von seinem Namen kursieren verschiedene Schreibweisen, die offizielle ist nicht klar.

Christina Hebel; Raniah Salloum

Original Source: SPIEGEL